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Der Wald der Gehenkten

Autor
Rebreanu, Liviu

Der Wald der Gehenkten

Untertitel
Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht
Beschreibung

Erster Weltkrieg, 1916, irgendwo an der russischen Front. Ein wegen Desertion angeklagter Offizier wurde ohne Verhandlung vom k.u.k.-Militärgericht zum Tod durch den Strang verurteilt, eine kleine Truppe einfacher Soldaten ist dazu abgestellt, sämtliche Vorbereitungen für die Hinrichtung zu treffen – unter den strengen Blicken eines jungen, dienstbeflissenen Leutnants mit Namen Apostol Bologa, der selbst dem Militärgericht angehört und selbstverständlich für die Hinrichtung gestimmt hat…

Unerbittlich, aber auch zart und einfühlsam findet Rebreanu im Wald der Gehenkten eine Sprache für einen existenziellen Konflikt, für den Prozess des Mündigwerdens, und hinterlässt der Literatur ein Werk, das hoffentlich noch sehr lange nachhallen wird.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Zsolnay Verlag, 2018
Seiten
352
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-552-05903-0
Preis
26,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Liviu Rebreanu wurde 1885 in Tarlisua (Siebenbürgen) geboren und starb 1944 in Valea Mare (Rumänien). Er arbeitete als Dramatiker und Journalist. Der Wald der Gehenkten erschien im Original 1922 und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Zum Buch:

„Die Theorie ist das Netz, das wir auswerfen, um ‘die Welt‘ einzufangen (…)“, schreibt Karl Popper in seinem Buch Logik der Forschung, und vorher stellt er klar „Unser Wissen ist ein kritisches Raten; ein Netz von Hypothesen; ein Gewebe von Vermutungen.“ Demütige Worte, die das Zeug zu ehernen Axiomen haben – zu Recht und gerade heute mehr denn je! Welterklärende theoretische Systeme sind, das ist kein Geheimnis, ein schwierig Ding. Ohne will´s nicht recht gehen, mit lebt es sich auch gefährlich. Gerade dann, wenn die Kategorien, nach denen die umgebende Welt strukturiert wird, allzu trennscharf geraten sind und die Idee der „Theorie“ gründlich missverstanden wird. Eine Theorie ist nicht mehr als eine relativ stichhaltige Idee über den Zusammenhang bestimmter Dinge; sie hat Bestand, bis sie widerlegt wird.

Soviel aus der sterilen Welt der Wissenschaft. Aber das alles lässt sich auch auf die individuelle Ebene bringen, wo es dann heikel wird, weil die vermaledeite Gefühlsduselei dazukommt.

„Im Krieg ist das Leben des Menschen wie eine Blume, die wer weiß weshalb ihre Blätter verliert…“

Erster Weltkrieg, 1916, irgendwo an der russischen Front. Ein wegen Desertion angeklagter Offizier wurde ohne Verhandlung vom k.u.k.-Militärgericht zum Tod durch den Strang verurteilt, eine kleine Truppe einfacher Soldaten ist dazu abgestellt, sämtliche Vorbereitungen für die Hinrichtung zu treffen. Eine Grube wird ausgehoben, der Galgen gerichtet, ein Schemel wird besorgt – alles unter den strengen Blicken eines jungen, dienstbeflissenen Leutnants mit Namen Apostol Bologa. Mit stolzgeschwellter Brust berichtet er dem gerade von der italienischen Front strafversetzten Hauptmann Klapka, der über Bologas Gebaren entsetzt ist, dass er selbst dem Militärgericht angehört und selbstverständlich für die Hinrichtung gestimmt habe – die Sachlage sei schließlich völlig klar gewesen, die Gesetzeslage noch viel klarer, und: „Ein Menschenleben darf nicht das Leben des Vaterlandes gefährden!…Ließen wir uns von sentimentalen Bedenken leiten, müssten wir nach allen Seiten kapitulieren…“.

Der Konvoi mit dem Verurteilten trifft ein, die Hinrichtung verzögert sich, die Situation driftet ob der militärischen Formalia endgültig ins Groteske ab. Schließlich ist das Urteil vollstreckt, der Arzt stellt den Tod fest, der Richter meldet den erfolgreichen Vollzug, und der General macht sich zufrieden auf den Weg zurück ins Hauptquartier. Bologa allerdings ist überrascht: Die umstehenden Soldaten haben Tränen in den Augen und, wie er erschrocken feststellt, nagt auch in ihm ein leiser Zweifel.

„Nun, hat´s dir gefallen, du Philosoph?“, sprach ihn der Hauptmann mit leicht vorwurfsvoller Stimme an.
„Herr Hauptmann, die Strafe…das Verbrechen…das Gesetz“, stammelte Apostol Bologa, erschrocken über die Frage des Hauptmanns.
„Jaja … und dennoch … der Mensch“, murmelte Klapka düster.
„Der Mensch … der Mensch … der Mensch“, gab Bologa schaudernd zurück.“

1922 erschien Der Wald der Gehenkten im rumänischen Original. Der Autor Liviu Rebreanu hat das Schicksal seines Bruders, der wenige Jahre vorher ebenfalls wegen Desertion angeklagt und von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt wurde, zum Anlass genommen hat, diesen Roman zu schreiben. Und vielleicht ist es gerade das Wissen um die persönliche Geschichte des Autors, das diesen Roman so überaus eindrücklich werden lässt. Dezidiert und mit großem Einfühlungsvermögen beschreibt Rebreanu das Schicksal Apostol Bologas, das mit der Meldung des jungen Philosophiestudenten – freiwillig und wider besseren Wissens, aber mit dem Wunsch, seine große Liebe zu beeindrucken – zum Kriegsdienst beginnt, an Fahrt aufnimmt, als ihm die Mitschuld am Tod des Deserteurs zu Bewusstsein kommt und schließlich immer rascher in den Abgrund führt, als der mittlerweile hochdekorierter Kriegsheld Bologa an die rumänische Front abkommandiert wird, um gegen seine eigenen Landsleute zu Felde zu ziehen. Die Stoßrichtung des Plots steht von Anfang an fest: Es geht stetig abwärts, bis es schließlich unvermeidbar zum Äußersten kommt und Bologa, gebrochen und restlos desillusioniert, selbst als Deserteur angeklagt wird.

Aber keine Sorge! Der vermeintliche Spoiler tut dem eigentlichen Thema dieses Werkes keinerlei Abbruch, denn das Besondere an dieser hochpsychologischen Talfahrt ist die Schilderung des Versuchs eines jungen Menschen, eine absolute Position zur Welt zu finden – und sein Scheitern an ebenjenen Bemühungen. Immer am Rande des Zusammenbruchs, bemüht sich Bologa verzweifelt, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Seine mühselig und in Stunden der fleißigen Lektüre philosophischer Werke gewonnene Theorie der Welt und des Menschen bricht zusammen, als er mit den Realitäten des Krieges konfrontiert wird, sein militärisches Weltbild implodiert, als er die Hinrichtung miterlebt, und sein dumpfer Nationalismus verglüht, als er als Offizier der Kaiserlich und Königlichen als Dolmetscher für eine Gruppe gefangener Rumänen fungiert und deren Verachtung zu spüren bekommt. Immer trägt er sich mit dem Gedanken zu desertieren, reibt sich an ihm auf und kommt doch nicht zum Handeln. Rastlos sucht er Systeme und Ideen, die all das, was er erlebt und getan hat, in Einklang bringen, verzweifelt sucht er nach absoluter Wahrheit – und landet schließlich beim Glauben.

Kein Zweifel, dieses Buch ist unerbittlich und hart. Rebreanus Stil trägt dazu bei: Äußerst suggestiv beschreibt er die Szenen, unverblümt, mit klarem Stil. Alles ist nervenaufreibend, alles ist extrem nah, nichts ist lange herzerwärmend. Eine dunkle Ahnung ist der Cantus firmus dieses Romans.

Wenn es noch statthaft ist, über die „Moral von der Geschicht´“ zu schreiben, dann ist es dies: Das Streben nach Absolutheit, die Vorstellung von einem System, das alles restlos erklärt und in Einklang bringt, führt unweigerlich ins dröhnende Nichts oder, was schlimmer ist, zu himmelschreiender Ungerechtigkeit. Nichts ist einfach, nichts ist richtig, nichts ist falsch: Auf die Perspektive kommt es an, und die lässt sich – das ist vielleicht das Schwerste überhaupt – immer wechseln. Vielleicht ist der Mensch ein armes Wesen, das zwar nach dem „Warum“ fragen kann, aber keine Antwort bekommt – oder gleich viel zu viele.

Unerbittlich, aber auch zart und einfühlsam findet Rebreanu im Wald der Gehenkten eine Sprache für einen existenziellen Konflikt, für den Prozess des Mündigwerdens, und hinterlässt der Literatur ein Werk, das hoffentlich noch sehr lange nachhallen wird.

Johannes Fischer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt