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Autor
Izgil, Tahir Hamut

In Erwartung meiner nächtlichen Verhaftung

Untertitel
Uigurische Notizen. Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer. Vorwort von Joshua L. Freeman
Beschreibung

Der 1969 in Xinjiang geborene uigurische Filmregisseur und Lyriker Tahir Hamut Izgil, dem 2017 mit seiner Familie die Flucht in die USA gelang, beschreibt in seinen Uigurischen Notizen, wie man als Angehöriger einer Minderheit lebt, die in China wegen angeblich separatistischer Bestrebungen zunehmend drangsaliert, eingeschränkt, verfolgt und inhaftiert wird. Wie es ist, wenn die eigene Sprache unerwünscht, die Religion verboten, der Besitz des Korans strafbar ist und der eigene Vorname willkürlich geändert wird. Wenn der Alltag durch die Polizei mit immer ausgefeilteren Techniken perfekt überwacht wird. In Erwartung meiner nächtlichen Verhaftung ist ein ruhiger, berührender Bericht. Tahir Hamut Izgil hat ein wichtiges Buch geschrieben, denn die Gefahr ist groß, über die in unseren Medien omnipräsenten Kriege in der Ukraine und Nahost die seit Jahren verübten Menschenrechtsverletzungen an den Uiguren zu vergessen.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Hanser Verlag, 2024
Format
Gebunden
Seiten
272 Seiten
ISBN/EAN
978-3-446-27606-2
Preis
25,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Tahir Hamut Izgil, geboren 1969 in der Region Xinjiang im westlichen China, ist Filmregisseur, politischer Aktivist und gilt international als einer der prominentesten modernen Lyriker in uigurischer Sprache. Mitte der 1990er Jahre war er für drei Jahre in einem chinesischen Umerziehungslager inhaftiert, weil er angeblich „sensible Daten” außer Landes hatte schaffen wollen. Wie die meisten uigurischen Intellektuellen sah er sich wachsenden Repressionen durch die chinesische Regierung ausgesetzt. Als die Masseninternierungen von Uiguren begannen, floh er 2017 mit seiner Familie ins Exil. Er lebt heute in Washington.

Zum Buch:

Als die autonome Provinz Xinjiang im Zuge der „Neuen Seidenstraße“ für die Regierung in Peking an Wichtigkeit gewinnt, werden dort Hunderttausende Han-Chinesen – die absolute Bevölkerungsmehrheit in China – angesiedelt und die einheimischen Uiguren verdrängt. Die 2009 daraufhin aufflammenden Aufstände werden brutal niedergeschlagen und die Uiguren seither wegen angeblich separatistischer Bestrebungen zunehmend eingeschränkt, drangsaliert, verfolgt und inhaftiert.

In seinen Uigurischen Notizen beschreibt der 1969 in Xinjiang geborene und in seiner Heimat bekannte uigurische Filmregisseur und Lyriker Tahir Hamut Izgil, was es bedeutet, rechtlos der Willkür eines Systems unterworfen zu sein. Wie es ist, wenn die eigene Sprache unerwünscht, die Ausübung der Religion verboten, der Besitz des Korans strafbar ist und der eigene Vorname willkürlich geändert wird. Wenn der Alltag durch die Polizei immer perfekt überwacht wird und die Nachbarn zur „Denunziationsverantwortung“ verpflichtet sind. Wo Verordnungen so schnell ins Gegenteil verkehrt werden, dass heute verboten ist, was gestern erlaubt war. Angst ist allgegenwärtig, Verhaftung willkürlich und jederzeit kann man zum „Studium“ in ein Lager gebracht werden. Das alles zählt zum bewährten Repertoire autokratischer Regimes und Diktaturen, in China auf eine neue Stufe der Überwachung gebracht durch den Einsatz von KI bei der Gesichtserkennung.

Der Autor, der 1996 für einen Studienaufenthalt in die Türkei reisen wollte, wurde damals an der Grenze verhaftet und kam für drei Jahre ins Gefängnis. Seither haben sich die Verhältnisse weiter verschärft. Immer häufiger kommen Mitglieder des „Nachbarschaftskomitees“ überraschend in seiner Wohnung vorbei oder er erhält Vorladungen, um Erklärungen zu unterschreiben. Immer mehr Menschen aus seinem Bekanntenkreis verschwinden, die Unsicherheit, ob und wie mit wem geredet werden kann, steigt. Langsam zieht sich das Netz um ihn, seine Frau und die beiden Töchter zu, und die immer wieder verworfenen Gedanken an eine Ausreise, so lange sie vielleicht noch möglich ist, werden konkreter.

Was bleibt, wenn einem alles genommen wird? Wenn alles menschliche Miteinander, die familiären Bindungen, die Identität zerstört werden? Die Flucht – wenn sie glückt. Dem Autor und seiner Familie ist sie gelungen, den Eltern, Verwandten und Freunden nicht. Er ist in Sicherheit und wird sein Leben lang darunter leiden, dass es die Zurückgebliebenen nicht sind. In Erwartung meiner nächtlichen Verhaftung ist ein ruhiger, beeindruckender Bericht. Die Schrecken, den die Internierten in den Lagern, bei Verhaftungen und Folter erleiden, spart der Autor aus, aber die im Buch geschilderten Zustände und Erlebnisse sind auch ohne dies von beklemmender Intensität. Tahir Hamut Izgil hat ein wichtiges Buch geschrieben, denn die Gefahr ist groß, über die in unseren Medien omnipräsenten Kriege in Nahost und der Ukraine die seit Jahren verübten Menschenrechtsverletzungen an den Uiguren zu vergessen. Redet eigentlich zurzeit noch jemand über Tibet?

Ruth Roebke, Frankfurt a.M.