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Autor
Kohl, Karl-Heinz

Neun Stämme

Untertitel
Das Erbe der Indigenen und die Wurzeln der Moderne
Beschreibung

Am Beispiel von neun Volksstämmen aus allen Teilen unseres Planeten werden überzeugende Beweise für die Einflussnahme auf unser westliches „weißes“ Denken erbracht.

Karl-Heinz Kohl zeigt hier, wie eng sich kulturelle Phänomene einen Weg in andere Kulturen bahnen können und dabei zugleich psychologische Offenheit in anderen Weltgegenden wecken – und besitzergreifend dort umgesetzt werden. Ist das dann „kulturelle Aneignung“? Unsere europäischen Sprachen, unser Wortschatz sind es auch! Und nicht nur die! Die geistigen Errungenschaften der neun Stämme greifen allerdings noch viel tiefer und dringen in unser geistiges Erbgut ein.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
C.H.Beck, 2024
Format
Gebunden
Seiten
312 Seiten
ISBN/EAN
978-3-406-81350-4
Preis
32,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Karl-Heinz Kohl lehrte Ethnologie in Mainz, Frankfurt am Main und an der New School for Social Research in New York. Von 1996 bis 2016 war er Direktor des Frobenius-Instituts für kulturanthropologische Forschung.

Zum Buch:

Am Beispiel von neun Volksstämmen aus allen Teilen unseres Planeten werden überzeugende Beweise für die Einflussnahme auf unser westliches „weißes“ Denken erbracht.

Karl-Heinz Kohl zeigt hier, wie eng sich kulturelle Phänomene einen Weg in andere Kulturen bahnen können und dabei zugleich psychologische Offenheit in anderen Weltgegenden wecken – und besitzergreifend dort umgesetzt werden. Ist das dann „kulturelle Aneignung“? Unsere europäischen Sprachen, unser Wortschatz sind es auch! Und nicht nur die! Die geistigen Errungenschaften der neun Stämme greifen allerdings noch viel tiefer und dringen in unser geistiges Erbgut ein.

Kohl widmet sich unter anderen den Tupinambá, einem anthropophagen brasilianischen Volksstamm, den Aranda Zentralaustraliens, deren Rituale und Begriff der Traumzeit die Psychologie und Psychoanalyse beflügelten, und den Irokesen Nordamerikas, die er als genuine Erfinder der Demokratie betrachtet. Letztere lebten in einer authentischen Demokratie, in der die Frauen gleiche Rechte besaßen. Die vielgerühmte griechische„Demokratie“ ist dagegen ein defizientes Modell. Die Irokesen sind die Träger der Grundprinzipien der amerikanischen Demokratie. Benjamin Franklin sah in ihnen das Vorbild für eine amerikanische Verfassung.

Im fünften Kapitel steht Palau im Zentrum, das Tahiti des deutschen Expressionismus. Ein Inselidyll, das nicht nur die Kunst, den deutschen Expressionismus zur Hochblüte getrieben, sondern auch Maßstäbe im Lebensstil gesetzt hat: freie Beziehungen zwischen Menschen als Gegenentwurf zur westlichen Prüderie. Die große Zeit Kirchners, Otto Müllers, Ernst Heckels, Pechsteins zollte dem natürlichen und ursprünglichen Leben der Insulaner Tribut. Die Künstlervereinigung „Die Brücke“ ist aus dem deutschen Kunstkanon nicht weg zu denken. Der Nationalsozialismus hat sie als entartete Kunst verbrannt.

Im neunten und letzten Kapitel widmet sich Kohl der Kosmologie der Dogon von Mali. In der bildenden Kunst hat die Dogonplastik einen immensen Einfluss auf das europäische Formdenken gehabt und viele Künstler befruchtet. Der Zusammenhang von Kunst und Mythologie ist selten eine so intime Beziehung eingegangen wie bei den Dogon.

Wollte der Leser dieses hochinteressanten Buchs, dessen reicher Inhalt hier nicht annähernd dargestellt werden kann, eine Summe ziehen, dann im Sinne der Erkenntnis, dass wir Erben einer Kulturwelt sind, deren positivste Elemente wir den von uns erniedrigten „Stämmen“ zu verdanken haben. Der rousseausche Kultur- oder besser Zivilisations-Pessimismus scheint hier überall durch.

Notker Gloker, Heiligenberg