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Autor
Lesch, Harald; Herrmann, Martin

Sprung über den Abgrund

Untertitel
Warum die Klimakrise uns zum Handeln zwingt
Beschreibung

Seien wir mal ehrlich: Die meisten Bücher über die Bedrohung der Erde durch den Klimawandel sind nicht gerade Bestseller. Wer will sich auch schon auf zwei-, drei- oder vierhundert Seiten den desolaten Zustand der Wälder oder die Umweltkatastrophen in anderen Teilen der Welt vor Augen führen, solange wir im Büro noch die Klimaanlage anschalten können?

Warum es sich trotzdem lohnt, das im Residenz-Verlag erschienene Buch des Mediziners und Veränderungsberaters Martin Herrmann und des Astrophysikers und Fernsehmoderators Harald Lesch zu lesen, erklärt sich u.a. dadurch, dass die eingenommene Perspektive sich von vielen anderen „Klimabüchern“ unterscheidet und auch deshalb zu neuem Erkenntnisgewinn führen kann.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Residenz Verlag, 2022
Format
Broschur
Seiten
125 Seiten
ISBN/EAN
978-3-7017-3553-2
Preis
18,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Martin Herrmann, geboren1957, ist Mitgründer und Vorsitzender von KLUG (Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit) und begleitet seit vielen Jahren professionell Veränderungsprozesse. Ursprünglich Arzt, verlegte sich Martin Herrmann bald auf die Beratung von Unternehmen und NGOs und lehrt heute an internationalen Universitäten und Hochschulen. “Sprung über den Abgrund” hat er gemeinsam mit Harald Lesch im Residenz Verlag veröffentlicht (2022).

Harald Lesch, geboren 1960, ist ein deutscher Astrophysiker, Naturphilosoph und Fernsehmoderator. Er studierte Physik und Philosophie in Gießen und Bonn und war später am Max-Planck-Institut für Radioastronomie (MPIfR) tätig, 1992 wirkte er als Gastprofessor an der University of Toronto, 1994 erfolgte seine Habilitation. Lesch ist als Fernsehmoderator und Autor bekannt, seine letzten Bücher waren allesamt Bestseller. “Sprung über den Abgrund” hat er gemeinsam mit Martin Herrmann im Residenz Verlag veröffentlicht (2022).

Zum Buch:

Seien wir mal ehrlich: Die meisten Bücher über die Bedrohung der Erde durch den Klimawandel sind nicht gerade Bestseller. Wer will sich auch schon auf zwei-, drei- oder vierhundert Seiten den desolaten Zustand der Wälder oder die Umweltkatastrophen in anderen Teilen der Welt vor Augen führen, solange wir im Büro noch die Klimaanlage anschalten können?

Warum es sich trotzdem lohnt, das im Residenz-Verlag erschienene Buch des Mediziners und Veränderungsberaters Martin Herrmann und des Astrophysikers und Fernsehmoderators Harald Lesch zu lesen, erklärt sich u.a. dadurch, dass die eingenommene Perspektive sich von vielen anderen „Klimabüchern“ unterscheidet und auch deshalb zu neuem Erkenntnisgewinn führen kann. In kurzen Gesprächen gehen die beiden Autoren auf unterschiedliche Aspekte des Klimawandels ein. Ergänzt werden diese Einzelaspekte jeweils durch informatives Hintergrundwissen z.B. zum Thema „soziale Kipppunkte“ oder „Anstieg der Meere“.

Martin Herrmann beschreibt eindrücklich, wie er erkannte, dass er ganz persönlich Teil der kollektiven Leugnung des Problems war, und vor allem, wie er sich nach der Lektüre von Naomi Kleins „Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima“ aus dem Zustand der Lähmung befreite. Seine berufliche Herkunft wies ihm den Weg: aus seiner Sicht kann der Gesundheitssektor zum Game Changer werden, der die Brisanz der Klimakatastrophe vom neutralen, uns allen seit langem verfügbaren Wissen ins Handeln überführen kann. Weil es hier eben nicht nur um die sich bislang in weiter Ferne abspielenden Horrorszenarien von Überschwemmung und Hungersnöten durch Dürreperioden geht, sondern um die klimatischen Einflüsse, die auch für die Menschen im globalen Norden schon jetzt zum Problem werden. Herrmann ruft dazu auf, die Klimakrise endlich als globale Notsituation zu behandeln, vergleicht sie mit einem medizinischen Notfall, der keinerlei Aufschub duldet! Neben der irreversiblen Zerstörung von Flora und Fauna seien auch bei uns längst zehntausend vorzeitige Todesfälle durch Herz-Kreislaufleiden bei älteren Menschen und eine grundsätzliche Herabsetzung der Arbeitsfähigkeit in Hitzesommern bei Menschen jeden Alters zu verzeichnen.

In jedem weiteren Gespräch zwischen Herrmann und Lesch wird deutlich, dass Veränderungen in umfassendem Ausmaß fast immer viel stärker von Einzelpersonen, die die Brisanz erkennen, vorangetrieben werden, als von Institutionen, die auf Veränderungsbedarf aus unterschiedlichen Gründen meist träge reagieren. Und die klare Botschaft des ganzen Textes ist, dass man Energien sammeln, mit anderen bündeln muss, um den Sprung über den Abgrund zu schaffen, der sich nach Meinung der Autoren längst vor uns auftut. Die Transformation in ein neues, globales, achtsames Miteinander sei möglich, wenn wir uns endlich unserer Macht bewusst würden.

Der Exkurs Martin Herrmanns über Machttheorien in Soziologie, Philosophie und Geschichtswissenschaft, in der Macht meist als Herrschaft definiert und verstanden wird, bietet als motivierende Alternative den Machtbegriff von Hannah Arendt an. Nach Arendts’ Definition ist Macht nicht nur die menschliche Fähigkeit zu handeln, sondern die Fähigkeit, sich mit anderen zusammenzuschließen und im Einvernehmen mit der Gruppe, also den Anderen, zu handeln.

Während sich also beim Klimagipfel in Scharm asch-Schaich zwar alle Entscheider wieder einig zu sein scheinen, dass es fünf vor zwölf ist – erstaunlich wie dehnbar ein solcher Zeitbegriff verwendet wird, wenn man auf die Mahnung des Club of Rome vor 50 (!) Jahren blickt –, ist es vielleicht Zeit, unseren Planeten ganz oben auf unser aller persönlicher To-do-Liste zu setzen und uns als Gesellschaft gemeinsam unserer Macht und Handlungsfähigkeit im Sinne Hannah Arendts bewusst zu werden.

Larissa Siebicke, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt