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Was fehlt dir

Autor
Nunez, Sigrid

Was fehlt dir

Untertitel
Roman. Aus dem Amerikanischen von Anette Grube
Beschreibung

Sigrid Nunez nennt ihren Text Was fehlt dir Roman, es handelt sich aber eher um einen Essay oder eine autobiographisch grundierte Reportage. Der grundierende Handlungsstrang ist die Erfahrung der Ich-Erzählerin mit dem Sterben ihrer Jugendfreundin. Aber das beschreibt die Eigenart des Buches nicht. Der Originaltitel enthält viel eher als der deutsche einen Hinweis auf die Art des Textes: „What Are You Going Through“ – und das ist nicht zuletzt auf die Denkprozesse, auch auf die sich verändernden Wahrnehmungen bezogen. In ihrem Denktagebuch folgt Nunez einerseits einer Handlung, die sie aber immer wieder überlagert und ablöst durch Assoziationen, andere Erzählungen, Reflexionen und Zitate aus Literatur und Film. Sie schreibt in diesem assoziativen Gedankenstrom über Alter, Liebe und Tod, in erster Linie aus der Perspektive weiblicher Erfahrung.
(ausführliche Besorechung unten)

Verlag
Aufbau Verlag, 2021
Seiten
222
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-351-03875-5
Preis
20,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Sigrid Nunez ist eine der beliebtesten Autorinnen der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Für ihr viel bewundertes Werk wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Für “Der Freund” erhielt sie 2018 den National Book Award und erreichte international ein großes Publikum. Sie lebt in New York City. Bei Aufbau außerdem lieferbar: „Was fehlt dir“ und „Sempre Susan“.

Zum Buch:

Sigrid Nunez nennt ihren Text Was fehlt dir Roman, es handelt sich aber eher um einen Essay oder eine autobiographisch grundierte Reportage. Der grundierende Handlungsstrang ist die Erfahrung der Ich-Erzählerin mit dem Sterben ihrer Jugendfreundin. Aber das beschreibt die Eigenart des Buches nicht. Der Originaltitel enthält viel eher als der deutsche einen Hinweis auf die Art des Textes: „What Are You Going Through“ – und das ist nicht zuletzt auf die Denkprozesse, auch auf die sich verändernden Wahrnehmungen bezogen. In ihrem Denktagebuch folgt Nunez einerseits einer Handlung, die sie aber immer wieder überlagert und ablöst durch Assoziationen, andere Erzählungen, Reflexionen und Zitate aus Literatur und Film. Sie schreibt in diesem assoziativen Gedankenstrom über Alter, Liebe und Tod, in erster Linie aus der Perspektive weiblicher Erfahrung.

Eine Freundin der Erzählerin ist an Krebs erkrankt und wird daran sterben. Mit Tabletten will sie den Zeitpunkt ihres Todes selbst bestimmen und bittet die Erzählerin, bis dahin in ihrer Nähe zu bleiben, um im Tod nicht allein zu sein. Diese Bitte wirkt auf die Erzählerin – und uns als Leser*innen – zuerst einmal als eine ungeheure Überforderung. Dennoch nimmt die Erzählerin dieses Ansinnen an, durchaus aus eigenem Interesse. Denn da sie selbst in einer ähnlichen Situation auch jemanden bräuchte, der ihr hilft, hofft sie „dass alles eine Art Probe war, dass meine Freundin mir den Weg zeigte“.

Die zentrale Erzählung und die begleitenden Vignetten sind zumeist traurige Geschichten, Nunez zitiert immer wieder Ford-Maddox-Ford „Das ist die allertraurigste Geschichte, die ich je gehört habe“. Aber das Buch macht nicht traurig, vielmehr löst es beim Lesen ein freies Nachdenken über den Tod aus und über das Umgehen mit der Endlichkeit des Lebens. Nunez denkt von diesem grundierenden Thema aus weiter. Sie reflektiert über das Altwerden gerade von Frauen, über Sprache als Möglichkeit zur Verständigung, über die Beziehung zwischen den Generationen. Sie erzählt Situationen, die vor allem komisch sind, das Traurige kommt in einer ungewöhnlichen Empathie für die Menschen zur Sprache. Nunez schaut die Menschen an und versucht, sie zu verstehen, ohne sie zu enteignen.

Die beiden Frauen fahren an die amerikanische Ostküste, um dort ein paar Wochen und vielleicht den letzten Tag zu verbringen. Sie verstehen sich immer besser, die Freundschaft wird intensiver. Sie leben einen Alltag miteinander, der das Sterben und den Tod nicht als geteiltes Fühlen und Wissen an die Oberfläche kommen lässt. Die Gespräche drehen sich nicht um das Sterben, ihr intellektuelles Leben spielt keine Rolle. Sie sprechen über frühe Erinnerungen, sie schauen Filme, unter anderem von Buster Keaton, lachen und weinen zusammen. Sie sind sich so nah, wie sie es in ihrem Erwachsenenleben nie gewesen sind; die wachsende Nähe in der außerordentlichen Situation macht Neugier ohne sentimentalisches Mitleid möglich.

Nunez hat einen empathischen Essay über Einsamkeit und Endlichkeit, Freundschaft und Fürsorge geschrieben. „Mein Herz schlägt voller Angst“, sagt die Ich-Erzählerin am Schluss. „Bald wird es zu Ende sein, dieses Märchen. Diese traurigste aller Zeiten, die auch eine der glücklichsten Zeiten meines Leben gewesen ist, wird vorbei sein.“

Barbara Determann, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt