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New Materialism

Autor
Eika, Jonas

Nach der Sonne

Untertitel
Erzählungen. Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Beschreibung

Mit Nach der Sonne hat der dänische Autor Jonas Eika einen Erzählband vorgelegt, der unserer Gegenwart auf zugleich brutale und einfühlsame Weise den Spiegel vorhält. Mit einer Sprache, die in die Oberfläche der Realität einzudringen vermag, und Anleihen bei der Phantastik ist dieses Buch, dessen Thema auch das Verhältnis von Körper und Welt ist, eins der spannendsten der Gegenwartsliteratur. Jonas Eika stellt unter Beweis, dass ein Buch, das unsere Lesegewohnheiten herausfordert, ein ebenso seltener wie lohnenswerter Fund ist.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Hanser Berlin, 2020
Format
Gebunden
Seiten
160 Seiten
ISBN/EAN
978-3-446-26782-4
Preis
20,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Jonas Eika, geboren 1991, ist ein dänischer Autor. 2015 machte er seinen Abschluss an der Dänischen Akademie für Kreatives Schreiben (Forfatterskolen). Im Oktober 2019 erhielt er für seinen Erzählungsband Nach der Sonne den renommierten Literaturpreis des Nordischen Rates.

Zum Buch:

Bei den Erzählungen von Jonas Eika hat man mitunter das Gefühl, in einer Fremdsprache zu lesen. Und das liegt nicht an der Arbeit Ursel Allensteins, die das Buch präzise und einfühlsam aus dem Dänischen ins Deutsche übersetzt hat. Aber Eikas Art zu erzählen trifft eine Sphäre des menschlichen Lebens, die so knapp unter unserer alltäglich spürbaren Realität liegt, dass in ihr das Vertraute neu erlernt werden kann und muss. Die Erzählungen erfordern eine sehr große Aufmerksamkeit beim Lesen. Queer, erotisch und radikal erkunden sie das Gemeinsame von Brutalität und Zärtlichkeit. Eikas Figuren versuchen sich auf unterschiedliche Weise dem Punkt anzunähern, an dem die eigene Körpergrenze sich zu etwas oder jemand anderem hin auflösen lässt.

So abstrakt muss man das Gemeinsame der Erzählungen fassen, die auf inhaltlicher Ebene sonst kaum Ähnlichkeiten aufweisen. So haben wir beispielsweise die Geschichte von Alvin, einem in Kopenhagen gestrandeten Jetsetter. Hier wird eine schweigsame, scheue erotische Affäre mit der Erkundung der quasi-fiktionalen Welt des Renditenhandels verzahnt. Die eingestreute Phantastik, mit der die Erzählungen durchsetzt sind, tragen nicht so sehr zur Fiktionalisierung des Erzählten bei, sondern ermöglichen vielmehr, menschliche Bedürfnisse neu erfahrbar zu machen.

Die längste Erzählung, Bad Mexican Dog, aufgeteilt in zwei Teile, spitzt auf sehr genaue Weise das Verhältnis von Lohnarbeit und Körperlichkeit zu. Das mexikanische Ferienressort, in dem diese Erzählung spielt, wird dabei nicht nur Schauplatz physischer Ausbeutung, sondern auch magischer Inter-Körperlichkeit. So sehr Eika damit mitunter unsere Lesegewohnheiten herausfordert, so lohnenswert ist diese Erfahrung.

Jonas Eika ist in aller Deutlichkeit ein politischer Autor, stellt aber die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht als Äußerliches dar, zu dem man sich unterschiedlich verhalten kann, sondern macht die Verwobenheit von Persönlichem, Sozialem und Strukturellem spürbar. Ich sage bewusst spürbar, denn Eika hat nichts von der soziologisch-realistischen Analyse Annie Ernauxs oder Edouard Louis’, ist dabei aber nicht weniger dem Realen zugewandt. Eika selbst sagt dazu: „Ich denke, dass es in der Literatur einen Traum von Sprache gibt, die nicht vergessen muss, um bedeuten zu können. Eine Literatur, die der Welt ebenbürtig ist, in all ihrer Unterdrückung und Verzweiflung, und gleichzeitig die Ungehörten hörbar macht und das Unaussprechliche fasst, dass in allen Dingen ist, und von welchem eine neue Ordnung ausgehen kann.“

Ob es Eika gelingt, etwas Wahres über unsere Gegenwart zum Ausdruck zu bringen, darüber mag man geteilter Meinung sein, aber auch wenn man schlicht Freude an fein gegliederten Erzählungen hat, ist Nach der Sonne ein besonderes Leseerlebnis. Jonas Eika gehört zu der jungen, radikaleren Schriftsteller*Innen-Generation, zu der auch Kristen Roupenian, Samantha Schweblin und Cemile Sahin zählen.

Theresa Mayer, autorenbuchhandlung marx & co, Frankfurt