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Autor
Al Shahmani, Usama

In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied

Untertitel
Roman
Beschreibung

Usama Al Shahmanis Roman erzählt eine Familiengeschichte. Sie handelt von der Geschichte der Juden im Irak des 20. Jahrhunderts, von den Pogromen irakischer Nationalisten an jüdischen Mitbürgern in den 1930ern und 40ern und der Heimatlosigkeit der ins Exil getriebenen Juden. Der Vater des Erzählers flüchtet mit der Mutter ins Exil nach Israel. Bei seinem letzten Besuch in seiner Heimatstadt Bagdad zitiert er den Dichter Mahmud Darwisch:
„Ich habe genug Erinnerungen
um meinen Kaffee zu trinken
in einem Café, das leer scheint
und doch von Abwesenden überquillt.”

(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Limmat, 2025
Format
Gebunden
Seiten
224 Seiten
ISBN/EAN
978-3-03926-093-5
Preis
26,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Usama Al Shahmani (*1971 in Bagdad) hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert. Er publizierte drei Bücher über arabische Literatur, bevor er 2002 wegen eines Theaterstücks aus dem Irak fliehen musste und in die Schweiz kam. Er arbeitet heute als Dolmetscher und Kulturvermittler und übersetzt ins Arabische. Sein erster Roman In der Fremde sprechen die Bäume arabisch erschien 2018 und wurde mehrfach ausgezeichnet. 2020 erschien sein zweiter Romane Im Fallen lernt die Feder fliegen , und 2022 Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt.
Usama Al Shahmani lebt mit seiner Familie in Frauenfeld.

Zum Buch:

Eine Jüdische Familiengeschichte, die von der Suche nach den Wurzeln handelt, das ist ein Thema vieler Romane. Zumeist sind die Geschichten mit dem Mord an den europäischen Juden verbunden. Bei Al Shahmani scheint das zunächst nicht so zu sein. Die Verbindung zur Geschichte des Nationalsozialismus gibt es, aber in diesem Fall kommt die jüdische Familie aus Bagdad. Der Roman führt mit der biographischen Suche leicht lesbar in die Geschichte der Juden im Irak des 20. Jahrhunderts ein. Es ist die Zerstörung der uralten jüdischen Gemeinschaft, die sich bis in die babylonische Zeit zurück verfolgen lässt.

Beim Lesen stellt sich immer wieder die Frage, ob es sich bei diesem Buch um einen Roman handelt oder doch eher um einen Bericht von einer familienbiographischen Suche. Diese Suche beginnt, als der Vater des Erzählers stirbt. Dreißig Jahre hat Gadi den Vater nicht gesehen, als seine Schwester ihn an dessen Sterbebett ruft. Nun reist er von Zürich nach Jerusalem, wo er ankommt, als der Vater nicht mehr sprechen kann. Der Vater hat Gadi und seiner Schwester Tamar eine Mappe mit Notizbüchern vermacht. Und er hat testamentarisch die Einäscherung seiner Leiche gewünscht, also einen Verstoß gegen die überkommenen Regeln des Judentums. Seine Asche soll zur Hälfte in Jerusalem beigesetzt und zur anderen Hälfte in Bagdad unter der alten Brücke im Tigris verstreut werden. Tamar bittet Gadi, die Tagebücher und die Hälfte der Asche des Vaters mit nach Zürich zu nehmen. Er tut das widerwillig, aber später entscheidet er sich, den Wunsch des Vaters zu erfüllen. Der Weg zu dieser Entscheidung bildet den zweiten Teil des Romans. Der dritte und wichtigste Teil spielt in Bagdad.

Gadi weiß fast nichts über Zakai, seinen Vater, und dessen Biographie, denn der hatte Frau und Kinder verlassen, als diese Halbwüchsige waren. Nach der Beerdigung reist Gadi nach Zürich zurück, wo er an der Universität Hebräisch lehrt. Auf dem Flug beginnt er in den Notizbüchern des Vaters zu lesen. Diese Notizen erscheinen nun in kursiver Schrift als eigener Strang im Roman. So ist die Stimme von Zakai parallel zum Bericht des Sohnes über seine Recherchen und seine Reise nach Bagdad immer präsent. Um den Wunsch des Vaters zu erfüllen und die Asche im Tigris zu verstreuen, bittet Gadi seinen Freund Nedim, der aus dem Irak stammt, ihn auf der Reise nach Bagdad zu begleiten. Nedims Familie wird ein Schlüssel zur jüdischen Vergangenheit Bagdads. Seine Tante ist eine Jüdin, die mit einem Nichtjuden verheiratet ist und so die judenfeindlichen Verfolgungen seit den 1930er Jahren überleben konnte, immer in der Gefahr, doch „enttarnt“ zu werden. Im Gespräch mit ihr und ihrem Mann, auch bei der Erkundung der Spuren jüdischen Lebens in der Stadt, nähert sich Gadi nicht nur der Geschichte seines Vaters an. Dessen Erzählungen in den Notizbüchern bringen die Lesenden in direkten Kontakt mit der Erfahrung der Zerstörung des Jahrhunderte langen Zusammenlebens unterschiedlicher Religionen und Ethnien in Bagdad.

Die jüdischen Einwohner waren am Ende des Osmanischen Reiches die größte Gruppe nach den Muslimen, sie prägten die Gestalt der Stadt, die Musik, das Leben auf den Straßen. Es sind direkte Einflussnahmen aus Deutschland, Nazi-Agenten, die an die politische Stimmung gegen die britische Kolonialherrschaft anknüpfen, Judenfeindschaft propagieren, Schlägertrupps organisieren und schließlich den Weg zum ersten Pogrom 1938 und zur Vertreibung in den Jahren nach 1948 bereiten. Die Flucht führt Zakais Mutter mit ihrem kleinen Sohn – wie viele irakische Juden – nach Israel; wie die meisten ging sie nicht aus Überzeugung, sondern aus Not in den neu entstehenden Staat. Die enge und selbstverständliche Verbundenheit Zakais mit seiner Heimat Bagdad wird als Grund für seine lebenslange Unfähigkeit sichtbar, in Israel und auch in seiner Familie anzukommen. Die Vertreibung aus dem Irak hat ins Exil geführt, nicht in die Heimat des jüdischen Volkes. Gadi findet in Bagdad die Abwesenden nicht wieder, die sein Vater noch suchte. In seinen Notizen zitierte der bei seinem letzten Besuch in seiner Heimatstadt Mahmud Darwisch:
„Ich habe genug Erinnerungen
um meinen Kaffee zu trinken
in einem Café, das leer scheint
und doch von Abwesenden überquillt.“

Wann ist die alte Welt des Zusammenlebens der ethnischen und religiösen Minderheiten mit den jeweiligen Mehrheiten und die kulturelle Offenheit in Bagdad zerbrochen? Ein alter Instrumentenbauer in Bagdad beantwortet Gadis Frage nach diesem Moment: „Als der Faschismus in den Irak kam.“

Die Geschichte der Ankunft des Faschismus, genauer des Nationalsozialismus, im Irak erzählt auch ein anderer Roman: „Ein weißes Land“ von Sherko Fatah (Link). Allerdings ist es hier die Perspektive eines muslimischen Jungen aus Bagdad, der in die faschistische Jugendorganisation des Irak gerät. Der Kern ihrer Weltanschauung ist die Judenfeindschaft. Am Ende ist der Protagonist mit der SS an der Front, wird schwer verwundet, er verliert sein Gesicht.
Das gibt es in beiden Romanen zu lernen: Die Judenfeindschaft im arabischen Raum ist ein Produkt des entstehenden völkischen Nationalismus und der nationalsozialistischen Versuche, diesen Raum für das großdeutsche Projekt zu gewinnen. Sie ist kein Aspekt der muslimischen Tradition. Der Großmufti von Jerusalem war eine Marionette der NS-Regierung, und so verstanden ist die Zerstörung der Koexistenz der Minderheiten im arabischen Raum ein Aspekt des Holocaust. Dieser Roman ist leicht zu lesen, aber er gibt viel zu denken.

Gottfried Kößler, Frankfurt