Zum Buch:
Es gibt wenig Bücher, deren Titel so unmittelbar verblüfftes Lachen auslösen dürften wie dieses – und deren Inhalt das bei der Lektüre immer wieder erneut ausbrechende Gelächter so schmerzlich in Halse stecken bleiben lässt. Ein Buch über Tod, Verlust und Trauer, das professionelle Trauerberater oder -begleiter wohl am Sinn ihrer Tätigkeit zweifeln lassen dürfte angesichts der Wucht und Gründlichkeit, mit der sich ein Verlust, hier der Mutter, ins weitere Leben eingraben kann, in dem Trost eben nicht wohlfeil zu haben ist.
Nora Gomringer schreibt über ihre Trauer über den Tod ihrer Mutter, „als vermissende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin“, beschreibt, wie Dinge, Orte und Menschen erwartbar oder unerwartbar Erinnerungen wachrufen, beschreibt damit auch ihr Aufwachsen und Leben in der etwas, sagen wir mal so, komplizierten Familie eines berühmten Mannes, was die sehr enge Mutter-Tochter-Beziehung so erklärbar wie lebensnotwendig erscheinen lässt. In dieser Familie, in der es keine Triade, sondern nur Dyaden gab – Mutter und Tochter, Mann und Frau – musste das Kind seinen Platz immer wieder neu definieren: „Sie suchten mich nie. Vor allem in den Phasen, in denen sie Hand in Hand miteinander liefen und meine Mutter glücklich war und mir dabei fern. Ich konnte ihnen nicht verloren gehen. Eifersüchtig sorgte ich selbst für meine Platzierung um meine Eltern herum. Überhaupt sorgte ich für mich selbst in vielen Dingen. So empfahl es sich.“ Das alles nüchtern, ohne auch nur einen Anflug von Voyeurismus, mit tiefschwarzem Humor und gelegentlichen Kalauern präsentiert.
Man spürt hier, dass der Tod des Meerschweinchen keine ausreichende Einübung in den Tod und dass Trauer Arbeit ist. Die vielen schönen und schlimmen Erinnerungen müssen wieder und wieder umgewälzt, geprüft und eingeordnet werden, so weh es dem „alten Kind“ auch tun mag. Und so setzt sich in einzelnen Szenen, Vignetten, Anekdoten und Erkundungen das Bild der Mutter als todunglückliche Frau zusammen, die ihrem Mann wie so viele andere Frauen berühmter Männer „den Rücken frei“ hielt und dafür ihre eigenen Wünsche und Ziele aufgab, mehrmals mit Depressionen hospitalisiert war und es trotzdem verstand, der Tochter den Weg zu Kreativität, Humor, einer großen Liebe zur Sprache und, ja, auch Lebensfreude zu bahnen.
Und so bleibt nach getaner, wenn auch keineswegs endgültig getaner Arbeit auf vielen klug montierten, spannenden, witzigen und todtraurigen Seiten das – vorläufige – Fazit: „Als Frau, die Eifersucht, Ohnmacht, wirtschaftliche Engen und Ehrgeiz auch in der Liebe kennengelernt hat, habe ich heute viel Verständnis für eine Bleibende, eine Beharrliche wie sie. Aber Verständnis ist auch so etwas Changierendes, wie das Erinnern. Und es kennt eigentlich keine Verwandtschaft mit dem Verzeihen.“
Irmgard Hölscher, Frankfurt a.M.