Aktuelle Empfehlungen

Drucken

Aktuelle Empfehlungen

Autor
Rathkolb, Oliver

Ökonomie der Angst

Untertitel
Die Rückkehr des nervösen Zeitalters
Beschreibung

Rathkolbs Buch besticht durch die Fülle empirischer Befunde, die der Autor sachkundig und argumentativ behutsam sortiert und interpretiert, was bei den umstrittenen Themen, die er behandelt, alles andere als selbstverständlich ist.

Radikalisierung, Autoritarismus, Kriegstreiberei, Xenophobie und Kontrollverlust: Wir alle spüren das nervöse Fieber und es erinnert uns an längst vergangen geglaubte Zeiten.
Oliver Rathkolb macht die Ursache an der »ersten und zweiten Turboglobalisierung« fest. Politische Umwälzungen, ökonomische Krisen und technologische Innovationen überfordern im Vorfeld des Ersten Weltkriegs wie auch heute die nationalen Gesellschaften und ihre politischen Eliten – und rufen die Raubritter der Wirtschaft auf den Plan. Irrationale Fehlentscheidungen in der Politik, eine Polarisierung der Bevölkerung und das Gefühl der Marginalisierung des Einzelnen wecken eine Sehnsucht nach dem »starken Mann« und einfachen, oft gewaltvollen Lösungen für komplexe Probleme.
Steht uns ein neues autoritäres Zeitalter bevor?
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Molden Verlag, 2025
Format
Gebunden
Seiten
304 Seiten
ISBN/EAN
9783222151538
Preis
33,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Oliver Rathkolb, geboren 1955, war langjähriger Vorstand und Professor des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur österreichischen und internationalen Zeit- und Kulturgeschichte sowie Herausgeber der Zeitschrift »zeitgeschichte« und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Hauses der europäischen Geschichte in Brüssel.

Zum Buch:

Der Untertitel des Buches des Wiener Historikers Rathkolb erinnert an Volker Ullrichs 1997 erschienene brillante Studie Die nervöse Großmacht über das kaiserliche Deutschland vor 1914, obwohl sie im Apparat des Buches nicht auftaucht. Wie auch immer: Das Agieren des ebenso umtriebigen wie wankelmütigen deutschen Kaisers nach der Devise: „sic volo, sic iubeo voluntas regis suprema lex est“ („So will ich es, so befehle ich es, der Wille des Königs ist das höchste Gesetz“) gleicht in seinem plakativen Gehabe aufs Haar der Politik des aktuellen Präsidenten der USA. Ob diese Politik in einen großen Krieg führt wie 1914, wird erst die Zukunft erweisen. Sicher ist bisher jedoch, dass Putins Krieg in der Ukraine und Trumps Politik unter dem vielfältigen Druck anderer aktueller politischer, sozialer und ökologischer Probleme die Nachkriegsordnung zerstört haben. Die multiple Krisenlage produziert viele Ängste: vor Energieknappheit, sozialem Abstieg, Klimakatastrophen, um nur die wichtigsten zu nennen. So wird Angst zum Treiber der Politik und der Gesellschaft.

Die Globalisierung im Zuge der industriellen Revolution beruhte auf technischen Innovationen der Energiegewinnung für Dampfkraft, Elektrizität ud Metallverbindungen, also auf Kohle. Gesellschaftlich und politisch dominierten Gummi-, Kohle-, Stahl- und Eisenbahnbarone die meisten Staaten und Gesellschaften. Die digitale Revolution nach 1945 dagegen wurde von transnational agierenden Trusts und Konzernen beherrscht. Die etwas verfrühte Prognose vom „Ende des Nationalstaats“ aber wurde spätestens im 21. Jahrhundert überholt von der Renationalisierung in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, bei der oft die Religion als Brandbeschleuniger eine wichtige Rolle spielte.

Das Jahr 1989 zeitigte mit dem Untergang der Sowjetunion und parallel dazu mit dem rasanten wirtschaftlichen Aufstieg Chinas eine neue weltpolitische Konstellation. Computer, Automatisierung, Internet und künstliche Intelligenz prägten in den letzten Jahrzehnten die vierte industrielle Revolution mit vorerst nur in Ansätzen abschätzbaren politischen und sozialen Folgen.

Ein Trend zeichnet sich ab: Europa gerät in der neuen geopolitischen Konstellation in vielen Bereichen gegenüber den USA und China ins Hintertreffen. Während Hochschulen und Forschungseinrichtungen in den USA maßgeblich auch durch private Stiftungen finanziert werden, sind solche Einrichtungen in Europa fast ausschließlich auf staatliche Gelder, d.h. Steuern, angewiesen, was sie in Zeiten wirtschaftlicher Krisen benachteiligt. Dass ChatGPT maßgeblich von Mira Murati, die aus Albanien stammt, ermöglicht wurde, ist eine seltene Ausnahme bzw. ein Glücksfall. Obwohl wenige Aussichten bestehen, dass Europa den Rückstand in der digitalen Revolution aufholen kann, hält der Autor Bestrebungen nach „digitalem Humanismus“ für „ehrenwert und demokratiepolitisch wichtig“. Bildungsförderung auf breitester Front und die Vernetzung von Schlüsseltechnologien sind taugliche Mittel in diesem Wettbewerb, in dem Grund-und Menschenrechte von ständig wachsender Bedeutung sind. Freilich räumt der Autor auch ein, dass technologische Innovationen keine Garantie für individuelle Freiheit und Demokratie sind.

Die Herausforderungen der Zukunft im „nervösen Zeitalter“ sind dieselben wie in der Zeit der ersten Turboglobalisierung in der Wende zum 20. Jahrhundert: Intensive Wanderungsbewegungen fördern eine gefährliche Gemengelage aus Rassismus, Fremdenangst, Antisemitismus, Nationalismus, Politik- und Demokratieverachtung sowie viele Formen des Autoritarismus bis hin zur Sehnsucht nach dem obligaten „starken Mann“.

Rathkolbs Buch besticht durch die Fülle empirischer Befunde, die der Autor sachkundig und argumentativ behutsam sortiert und interpretiert, was bei den umstrittenen Themen, die er behandelt, alles andere als selbstverständlich ist.

Rudolf Walther, Bad Soden am Taunus