Zum Buch:
Erfolg ist nicht nur schön, sondern auch anstrengend. Erfolg macht glücklich, aber auch Angst.
Ausgebrannt nach 40 Monaten andauernder Lesereisen, die auf die Verleihung des Leipziger Buchpreis für Unser Deutschlandmärchen 2023 folgten, dazu die andauernde Arbeit am Eilif-Verlag, sagt Dinçer Güçyeter alle Termine ab und zieht sich im November 2024 für dreieinhalb Wochen in die Türkei zurück. Hier, im Haus der Familie, zieht er Bilanz in einem Tagebuch, in dem er seine Gefühle, seine Ängste und Hoffnungen schonungslos ehrlich offenlegt und analysiert. Anders als der Titel vermuten lässt, ist es kein lustiges Buch, vielmehr eine Abrechnung mit den politischen Veränderungen der letzten Jahre, mit dem Literaturbetrieb und mit sich selbst.
Immer wieder hält Güçyeter nicht nur sich, sondern vor allem uns einen Spiegel vor, der zeigt, was uns mit Scham, Schrecken und Zorn erfüllen sollte, aber folgenlos bleibt: „Du hast Angst, Dinçer … Eine Stimme aus deinem Inneren, die du nicht einordnen kannst, sagt dir ununterbrochen, die werden dir wieder alles wegnehmen. … Die werden dich als Musterkanacke auf Bühnen zeigen, auf dich zeigen, stolz werden sie über Vielfalt, über Aufstiegschancen in Deutschland reden. Wie schön und bunt das Zusammenleben doch ist. … Und jetzt, Dinçer, durch dich wird eine emphatische Pose auf die Bühne gestellt, und du weißt, alles nur befristet. Doch die Insassen der Krankenhäuser, Psychiatrien, der vereinsamten Häuser schweigen weiter die Wände an. Jeden Abend fällt ein bewusstloser Spatz aus ihren Augen.“
Güçyeters Blick auf die Welt, auf ihre Peripherien, auf all das, was auch der Literaturbetrieb mit oft herablassendem Schweigen übergeht, stößt Türen und Fenster auf und macht den Blick frei auf die Gegenwart. Eine Gegenwart, die sich nicht in der großen Innenstadt-Einkaufsmeile findet, sondern in den Seitengassen, wo sich der „wahre Charakter einer Stadt“ zeigt: „Diese Seitengassen habe ich schon immer gemocht. Das waren immer meine Orte, egal wie es gestunken hat, egal wie ekelhaft es war, egal wie verrucht, egal wie abgründig.“ Schauen wir hin!
Zusammenfassen kann man diesen schmalen Band nicht, der in all seiner Kürze so viel über den Zustand unserer Gesellschaft und über den Zusammenhang zwischen Dichtung und Leben vermittelt. Man muss ihn lesen. Und wieder lesen. Und die Fotos betrachten. Und den Gedichten nachlauschen. Und verschenken, weiterempfehlen, darüber reden. Tun Sie das. Bitte.
Irmgard Hölscher, Frankfurt a.M.