Zum Buch:
Sie ist eine Reisende zwischen den Welten – unterwegs in Gegenwart und Vergangenheit, Realität und Fiktion, Neugierde und Entsetzen, Bericht und Imagination. All diese Ebenen des Lebens und Erlebens fließen ineinander und bilden den Fundus, aus dem Iris schöpft, wenn sie schreibt. Die Schriftstellerin arbeitet an einem Buch über die Hexenprozesse von Salem, und in ihrer Recherche überschreitet sie alle Grenzen …
Haben Sie sich schon einmal gefragt, was das Schreiben eines Romans mit dem Autor, der Autorin macht? Freudenthaler zeichnet den über Monate andauernden Prozess in diesem Roman wie einen Strudel, in den Iris hineingezogen wird. In diesem Leben für das Schreiben, für die Literatur reist sie von Wien nach Chicago, Rom, Neapel, London, Sheffield, Warschau, Belgrad, Tirana, Venedig, um aus ihren Büchern zu lesen, mit Studenten zu diskutieren, zu Stipendienaufenthalten, hat überall Bekannte, Liebhaber, nur daheim in Wien zwei enge Freundinnen, die sie selten sieht, öfter mit ihnen telefoniert.
Die Bauart des Romans ähnelt Leopold Blooms stream of consciousness, Szenen fließen ineinander, atemlos, ohne innezuhalten. Zu Beginn eines Satzes irrt Iris noch ratlos suchend im Flughafen von Chicago umher, am Ende der Phrase ist sie schon wieder daheim und erzählt Anton, der in der Küche am Herd steht, von ihrer Reise. Weil Iris mehr über die Foltermethoden der Hexenprozesse wissen will, setzt sie sich selbst Schmerzen aus. Mit Anton teilt sie die sexuelle Lust an Fesselspielen, rollengebunden, oft verschwimmen die Grenzen zur Gewalt. Die inhaltlichen Überlappungen, den Verlust oder das Verschieben eines Fokus fasst Freudenthaler mehrfach in Bilder: Iris‘ schwindende Sehkraft, Antons Arbeit als Künstler mit beschädigten Kameras, die willkürlich und unkontrollierbar auf Elemente eines Bildes scharf stellen.
Während der Lektüre musste ich oft an M. C. Eschers „Zeichnende Hände“ denken: zwei dreidimensional dargestellte Hände, die die Manschette des Hemdes der jeweilig anderen Hand zeichnen. Eine Schriftstellerin, die über den Prozess des Schreibens schreibt, das zugleich ihre und die Berufung ihrer Romanfigur ist. Es gibt kein Entrinnen, das ist die eine Seite. Die selbst gewählte, erfüllende Daseinsform ist die andere. Iris ist ein tiefgründiger, im Tempo rasanter, erhellender Roman über Fluch und Segen eines Lebens für das Schreiben.
Susanne Rikl, München