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Autor
Knott, Marie Luise

370 Riverside Drive, 730 Riverside Drive

Untertitel
Hannah Arendt und Ralph Ellison
Beschreibung

Als Ende der 1950er Jahre der Oberste Gerichtshof der USA die Rassentrennung an Schulen für verfassungswidrig erklärt hatte, gingen die Bilder von Schülern aus Little Rock, die nur unter dem Schutz des Militärs zum Unterricht gelangen konnten, um die Welt. Ihr mutiges Verhalten wurde allgemein als wichtiger Schritt im Kampf um die Gleichstellung der Schwarzen betrachtet. 1959 erschien in der Zeitschrift Dissent der Essay Reflections on Little Rock der jüdischen Philosophin Hannah Arendt, in dem sie eine radikal andere Position vertrat und – u.a. und verkürzt gesagt – befand, Kinder sollten nicht für die Kämpfe der Erwachsenen benutzt werden. Arendt stieß damit auf vehemente Kritik.

Vor einiger Zeit ist der Durchschlag eines Briefes aufgetaucht, den Arendt 1965 an den schwarzen Schriftsteller Ralph Waldo Ellison, einen ihrer damaligen Kritiker, geschrieben hatte und in dem sie einräumte, die Lage der Schwarzen nicht richtig erkannt und falsch beurteilt zu haben. Diesen Brief hat die langjährige Arendt-Herausgeberin Marie Luise Knott zum Anlass genommen, sich mit der komplexen Thematik rund um den “Little-Rock-Essay” auseinanderzusetzen. Ihr Buch Riverside Drive ist eine fesselnde, erhellende und vor allem erstaunlich aktuelle Lektüre.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Matthes & Seitz Berlin, 2022
Format
Gebunden
Seiten
145 Seiten
ISBN/EAN
978-3-7518-0344-1
Preis
22,00 EUR

Zur Autorin/Zum Autor:

Marie Luise Knott lebt als freie Autorin, Kritikerin und Übersetzerin in Berlin. Zuletzt erschien: 370 Riverside Drive, 730 Riverside Drive. Hannah Arendt und Ralph Ellison, das mit dem Tractatus-Preis für philosophische Essayistik ausgezeichnet wurde. Knott ist Mitherausgeberin von John Cage. Empty Mind zusammen mit Walter Zimmermann, Berlin 2012. Übersetzerin von Anne Carson, Anthropologie des Wassers und dies., Albertine. 59 Liebesübungen. Kürzlich erschien Dazwischenzeiten. 1930 – künstlerische Wege in der Erschöpfung der Moderne. In dem Internet-Kulturmagazin »www.perlentaucher.de« hat sie eine Kolumne für zeitgenössische Lyrik unter dem Titel: Tagtigall.

Zum Buch:

1954 erklärte der Oberste Gerichtshof der USA die Rassentrennung an Schulen für verfassungswidrig, mehrere der Südstaaten ignorierten jedoch das Gesetz und verboten Schwarzen weiterhin den Zutritt zu „weißen“ Schulen. In Arkansas hinderte 1957 die Nationalgarde Schwarze Schüler*innen daran, eine Schule für Weiße zu betreten. Daraufhin entsandte Präsident Eisenhower 1000 Soldaten, die neun Schwarze Schüler vor dem aufgebrachten weißen Mob schützten und sie in die Schule geleiteten. Die Bilder der Schüler, die durch die wütende Menge liefen, gingen um die Welt, die Bewunderung für ihren Mut war groß.

1957 schrieb die 1933 nach Frankreich geflohene und 1941 in die USA eingewanderte jüdische Philosophin Hannah Arendt den Essay Reflections on Little Rock. Darin vertritt sie u.a. die Meinung, es sei für den Kampf gegen die Ungleichheit zwischen Schwarzen und Weißen wichtiger, das Verbot der Mischehe gesetzlich aufzuheben, als in den – wie sie meinte – privaten Bereich von Erziehung und Bildung einzugreifen. Schwarze Eltern sollten Kämpfe gegen die Rassentrennung nicht von ihren Kindern austragen lassen. Die Redaktion der Zeitschrift Dissent lehnte den Text zunächst ab, mit einer Vorrede erschien er dann 1959 und stieß auf heftige Kritik.

In jüngster Zeit ist ein kurzer Brief aufgetaucht, den Hannah Arendt 1965 an den schwarzen Autor Ralph Waldo Ellison schrieb. Ellison hatte Arendt in einem Interview, das im März des gleichen Jahres in dem Buch Who Speaks for the Negro abgedruckt war, vorgeworfen, sie habe „tatsächlich (…) keine Ahnung, was in den Köpfen schwarzer Eltern vor sich geht, wenn sie ihre Kinder durch solche feindselige Linien schicken“. In dem nur zwanzig Zeilen umfassenden Brief räumt Arendt ein, erst jetzt zu erkennen, „dass ich die Komplexität der Lage schlicht nicht verstanden habe.“ Eine Antwort von Ellison ist nicht bekannt, der Brief blieb in jeder Hinsicht folgenlos, gilt aber als eine Revision des „Little-Rock-Essays“. Marie Luise Knott, langjährige Herausgeberin von Arendts Schriften und Autorin einer Biographie über sie, hat den Brief 2020 in den USA gelesen und stellt eine zentrale Frage: „(…) was revidiert Arendt hier eigentlich?“

Knotts Buch liest sich, als würde die Autorin die Debatte führen, die nach dem Brief – von dem unklar ist, ob er den Adressaten überhaupt erreicht hat – nie in Gang kam. Sie vergleicht die Standpunkte, Erfahrungen und Lebenswelten beider Autoren, die der jüdischen, durch die Immigration dem Holocaust entgangenen Philosophin mit denen des afroamerikanischen Autors, dessen Alltag immer noch von der Sklaverei geprägt ist. Beide haben eine jahrhundertelange Geschichte von Ausgrenzung, Unterdrückung und Gewalt als Hintergrund, und Knott umkreist, wie die unterschiedlichen – und gleichartigen – Erfahrungen ihre Sicht auf den Konflikt um Little Rock geprägt haben. Vieles in dem Buch ist von erschreckender Aktualität, es könnte aus den heutigen Debatten über Folgen von Sklaverei und Kolonialismus, über „Black Lives Matter“ und die Vergleichbarkeit historischer Erfahrungen stammen.

370 Riverside Drive 730 Riverside Drive – was es mit der Umkehrung der Nummern auf sich hat, ist eine eigene kleine Geschichte und würde hier zu weit führen – ist ein äußerst komplexer Text, und dass es Marie Luise Knott gelingt, daraus eine fesselnde und leicht zu lesende, erhellende Lektüre zu machen, ist wahrhaftig ein Kunststück.

Ruth Roebke, Frankfurt