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Katechon

Autor
Weiß, Volker

Katechon

Untertitel
Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart
Beschreibung

Der griechische Begriff Katechon, dt. der Aufhalter, stammt aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an die Gläubigen in Thessaloniki ( 2. Thess 2, 3-10).
Der AfD-Ideologe Maximilian Krah mobilisiert heute wie viele Rechtsintellektuelle auf der ganzen Welt mit dem Slogan „Trump ist der Katechon“ gegen Irrlehren, voran steht dabei die völkerrechtskonforme Weltordnung und ihre institutionelle Verankerung in den UN-Gremien. Im Gefolge von Carl Schmitt plädieren Rechte für eine von einer Hegemonialmacht dominierten Großraumordnung mit absoluter Souveränität über Regionalmächte und herkömmliche Nationalstaaten. Diese Raumkonzepte schließen an zumeist deutschnational gestimmte Geopolitikideologen des 19. Jahrhunderts und andere geschichtsphilosophisch oder geschichtstheologisch fundierte Ideologien in Anlehnung an die biblische Apokalypse.

(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Cotta, 2026
Seiten
128
Format
Broschur
ISBN/EAN
978-3-7681-9860-8
Preis
18,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Volker Weiß, Dr. phil., geboren 1972. Der Historiker war viele Jahre als Fachautor für DIE ZEIT und ZEIT Geschichte, Jungle World, Frankfurter Rundschau, FAZ, Taz, Spiegel-Online tätig und schreibt heute exklusiv für SZ,. Er ist einer der besten Kenner der neurechten Szene. Sein Buch “Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes” gilt als Standardwerk zum Thema und wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 nominiert.

Zum Buch:

Der griechische Begriff Katechon, dt. der Aufhalter, stammt aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an die Gläubigen in Thessaloniki ( 2. Thess 2, 3-10). Allerdings ist Paulus‘ Autorschaft des ganzen Briefs unter Fachleuten bis heute umstritten.

Der Autor warnt an der genannten Stelle vor dem Vertrauen auf den falschen Messias, der Irrlehren verbreite und die Gläubigen verlocke und damit verführe. Der AfD-Ideologe Maximilian Krah mobilisiert heute wie viele Rechtsintellektuelle auf der ganzen Welt mit dem Slogan „Trump ist der Katechon“ gegen Irrlehren, voran steht dabei die völkerrechtskonforme Weltordnung und ihre institutionelle Verankerung in den UN-Gremien. Im Gefolge von Carl Schmitt plädieren Rechte für eine von einer Hegemonialmacht dominierten Großraumordnung mit absoluter Souveränität über Regionalmächte und herkömmliche Nationalstaaten. Diese Raumkonzepte schließen an zumeist deutschnational gestimmte Geopolitikideologen des 19. Jahrhunderts und andere geschichtsphilosophisch oder geschichtstheologisch fundierte Ideologien in Anlehnung an die biblische Apokalypse.

Amerikanische High-Tech-Barone wie Elon Musk und Peter Thiel ebneten dem Begriff des Katechon bzw. Aufhalters den Weg ins deutsche Feuilleton der Gegenwart sowie zu den Randbezirken der rechtsextremen Propaganda. Warnungen in „biblisch aufgerüsteter Rhetorik“ (Volker Weiss) vor dem Antichristen und dessen Machtübernahme blühten auf der ganzen Welt. Nach 1945 revidierte Carl Schmitt seine Position. Der Katechon trug nun das Kostüm des Aufhalters, d.h. des Widerstands gegen die „US-dominierte Weltordnung“, während Russland Krieg gegen den gottlosen Westen und den Liberalismus führe und so in die Rolle des Aufhalters schlüpfe. Während sich der Neokonservatismus in den USA als „heilsgeschichtliche Macht“ drapierte, empfahl sich die orthodoxe Kirche ausgerechnet in der heidnischen Sowjetunion als Hüter und Bewahrer des heiligen Russland und der „traditionellen Ordnung in der Welt der Sünde“ (David G. Lewis).

Der Slogan des Ideologen Alexander Dugin – „Wir bekämpfen den Antichristen: Das ist unsere russische Idee und sie wird alles richten“ – entspricht der älteren demagogischen These, wonach Moskau nach dem Fall von Rom und Byzanz die aufhaltende Rolle zum Schutz des Christentums übernehmen werde, wie – zumindest dem Anspruch nach – die deutschen Kaiser vom Mittelalter bis ins frühe 19. Jahrhundert.

Weiss zeigt überzeugend, wie der Begriff Katechon seit den 30er Jahren politisch hochgradig aufgeladen und in Konzepten der politischen Theologie instrumentalisiert wurde. Hier wurde der Begriff in umfassend totalisierende Weltperspektiven eingebaut, die den argumentativ relevanten Vorteil besaßen, sowohl ein politisches Ziel als auch eine Entwicklung zu bezeichnen. Als Ziel und Entwicklung bilden sie „asymmetrische Gegenbegriffe“ (Reinhart Koselleck) wie Freund und Feind oder Christ und Heide. Diese Gegensatzpaare gehen zunächst zwar von einer universalen Einheit aus – beide setzen sich aus Menschen zusammen –, jedoch wird diese Einheit in einem zweiten Schritt als politisch, religiös oder ethnisch unvereinbare Sondergruppe von der Ausgangseinheit abgespalten, womit diese universalistische Voraussetzung partikularisierend und damit hierarchisierend und exkludierend unterlaufen wird. Damit trennen sich auch Ziel und Entwicklung, womit z.B. in der Theologie und in der Politik die Stellen von Souveränität und oberster Autorität undeutlich bzw. vakant werden.

So geriet das Konzept des Katechons wie das der politischen Theologie immer mehr in den Sog reiner Spekulation, Beliebigkeit und Unglaubwürdigkeit und wurde jüngst von Klaus Mertens als „irrlichternde Theorie“ bezeichnet. Ihre Schwundstufe erreichte schließlich Trumps Kriegsminister Peter Hegseth, der seinen Präsidenten am 6.3.2026 öffentlich als „von Jesus gesalbt, um seine Rückkehr auf die Erde vorzubereiten,“ herbeiphantasierte. Damit geriet der selbsternannte Aufhalter des Untergangs ungewollt zum willigen Beschleuniger des Untergangs seiner Position und seiner Maga-Bewegung. Die sorgfältige Analyse der Konjunktur eines immer schon problematischen und mittlerweile nur noch sektiererisch zu nennenden Konzepts politischer Theologie durch den Historiker Weiss verdient Respekt und Beachtung.

Rudolf Walther, Bad Soden am Taunus