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Am Rande der Glückseligkeit

Autor
Baltschev, Bettina

Am Rande der Glückseligkeit

Untertitel
Über den Strand
Beschreibung

Der Traum von einer erholsamen Zeit am Strand ist für uns heute eine Alltäglichkeit. Das ist nicht immer so gewesen. In ihrem kulturhistorischen Spaziergang über acht Strände in acht Ländern erzählt Bettina Baltschev nicht nur die Geschichte dieses weltweiten Erholungsortes wunderbar unterhaltsam, mit vielen Ausflügen in die Malerei und Literatur. Auch politische und gesellschaftliche Eigenheiten der Strände treten zutage. Von Scheveningen bis Lesbos: eine reiche, vielseitige Lektüre, die mindestens so sehr erfreut und inspiriert wie ein langer Spaziergang am Meeressaum.
(ausführliche Besprechung unten)

Verlag
Berenberg Verlag, 2021
Seiten
280
Format
Gebunden
ISBN/EAN
978-3-946334-85-9
Preis
25,00 EUR
Status
lieferbar

Zur Autorin / Zum Autor:

Bettina Baltschev 1973 wurde in Berlin geboren, studierte Kulturwissenschaften, Journalistik und Philosophie in Leipzig und Groningen. Sie ist Geschäftsführerin des Sächsischen Literaturrats, Autorin und Redakteurin beim MDR und pendelt zwischen Leipzig und ihrer zweiten Heimat Amsterdam.

Zum Buch:

Der Traum von einer erholsamen Zeit am Strand ist für uns heute eine Alltäglichkeit. Das ist nicht immer so gewesen. In ihrem kulturhistorischen Spaziergang über acht Strände in acht Ländern erzählt Bettina Baltschev nicht nur die Geschichte dieses weltweiten Erholungsortes wunderbar unterhaltsam, mit vielen Ausflügen in die Malerei und Literatur. Auch politische und gesellschaftliche Eigenheiten der Strände treten zutage. Von Scheveningen bis Lesbos: eine reiche, vielseitige Lektüre, die mindestens so sehr erfreut und inspiriert wie ein langer Spaziergang am Meeressaum.

Im Jahr 1602 ließen sich drei Dutzend Männer mit der unglaublichen Geschwindigkeit von 40 Stundenkilometern auf einem Segelwagen von Simon Stevin über den Strand blasen – eine Begebenheit, die über die niederländischen Landesgrenzen hinaus bekannt wurde und auch 150 Jahre später noch nicht in Vergessenheit geraten ist: In Laurence Sternes Tristram Shandy wird darüber diskutiert, ob nicht auch in England solche Wagen gebaut werden sollten. Auch in Brighton ist der Strand im 18. Jahrhundert noch eher ein Ort für Abenteurer als für Müßiggänger. Erst Ende jenes Jahrhunderts beginnt man dort, im Erker sitzend, auf das Meer zu schauen; ein wenig später begibt man sich in bathing machines – zu Deutsch: Badekarren, einer von Pferden gezogenen Hütte –, begleitet von einem männlichen bather oder einem weiblichen dipper, ins Meer, um kurz und vor allen Blicken geschützt einzutauchen in das kühle, salzige Nass.

Am Ostseestrand von Hiddensee patroullieren zu Zeiten der DDR rund um die Uhr Mitglieder der 6. Grenzbrigade mit Schäferhunden, also auch kein Ort der Entspannung, durchaus aber einer der Sehnsucht, sehr treffend beschrieben in Lutz Seilers Kruso: „Zuerst die große Sehnsucht, die noch größer wird, dann sitzen sie da und können weder vor noch zurück.“

Nicht vor und nicht zurück kommen auch die Geflüchteten, die auf Lesbos stranden. Baltschevs letzte Station nach Ostende, Utah Beach, Ischia und Benidorm beschreibt sie treffend als „Grenzgebiet der Menschlichkeit“, also weit entfernt von dem „Ideal einer in Freiheit, Gleichheit und Harmonie lebenden Gesellschaft“, als das die holländischen Landschaftsmaler des 17. Jahrhunderts einst den Strand gesehen haben wollten.

Die Lektüre macht deutlich: Jeder Strand dieser Welt hat „seine Unschuld längst verloren“; und dennoch bleibt der Blick weit über den Horizont hinaus, der Wind, der den Kopf freibläst, und der Sand, den wir gedankenlos – und endlos – durch die Finger rinnen lassen. Auch von diesen Momenten grenzenloser Freiheit erzählt Bettina Baltschevs Buch, und genau dieser Wechsel von Wissen und Vergessen macht seinen Reiz aus.

Susanne Rikl, München